Heinrich Blana

Die Komplexität des Lebensraums einer Insektenart am Beispiel des Schrot-Zangenbocks Rhagium mordax

Veränderter Ausschnitt aus BLANA 2013 (mit freundlicher Genehmigung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe)

Am Beispiel Blüten besuchender Bockkäfer lässt sich gut darstellen, dass der Lebensraum eines Insekts zeitlich und örtlich ein komplexes ökologisches Beziehungsgefüge darstellt. Der Schrot-Zangenbock Rhagium mordax ist eine in heimischen Wäldern verbreitete Bockkäferart. Sie ist relativ früh im Jahr am Waldrand besonders auf Blütensträuchern wie Weißdorn, aber auch auf Doldenblüten zu beobachten. Daneben findet man die Käfer auf gefälltem Laubholz und an Laubholzstubben im Wald (s. Bildergalerie Schrot-Zangenbock).

Um den Lebensraum, das Habitat, des Schrot-Zangenbocks aus ökologisch-systemischer Sicht genauer zu erfassen, ist es zum einen notwendig, auf der Organisationsebene „Organismus“ die Entwicklungsphasen des Käfers und die hierfür notwendigen Lebens-Ressourcen zu berücksichtigen, zum anderen auf der Organisationsebene „Ökosystem“ die Umweltfaktoren und biologischen Wechselbeziehungen, die auf die Entwicklungsphasen einwirken, zu berücksichtigen.

Beide Organsitionsebenen sind in der folgenden Abbildung einer biologisch-systemische Lebensraum-Betrachtung vereinfacht grafisch dargestellt. Die Individualentwicklung des Schrot-Zangenbocks und damit die Organisationsebene Organismus (bei der Fortpflanzung die Ebene der Population) ist von der Ebene des Ökosystems mit den unterschiedlichen Teil-Ökosystemen abgehoben. Bei jeder Entwicklungsphase des Käfers ist diese beispielhaft mit Beziehungen aus der ökosystemischen Umwelt verknüpft.

Im Einzelnen lässt sich in der Grafik erkennen:

  • Der frisch geschlüpfte, fortpflanzungsfähige Bockkäfer nimmt vorrangig an früh blühenden Sträuchern, besonders an Weißdorn, Nahrung auf und ist somit in die blütenökologische Symbiose der Pflanzen eingebunden. Allerdings gehört er nicht zu den obligatorischen Blütenbesuchern wie der Kleine Kurzdeckenbock (siehe Bildergalerie) und der Schwarze Blütenbock (siehe Bildergalerie), die als Nahrungskonkurrenten des Schrot-Zangenbocks häufig auf Weißdornblüten zu finden sind.
  • Zur Partnerfindung, Paarung und Eiablage suchen die Bockkäfer vorhandenes Totholz im Waldinneren auf. Meist handelt es sich um ziemlich frisches Totholz von Laubbäumen, besonders von Eichen und Buchen wie Stämme, stärkere Äste oder Baumstümpfe, wo das Käferweibchen in Rissen und Löchern in der Rinde die Eier ablegt. Meist dauert die Lebensphase der erwachsenen Käfer nur wenige Wochen. Sie fallen oft verschiedenen Vogelarten zum Opfer.
  • Die Larven ernähren sich vom Holz ihrer Behausung, welches sie mit starken Nagekiefern abraspeln. Da das Holz nährstoffarm, vor allem proteinarm und schwer aufzuschließen ist, leben die Larven in einer Endosymbiose mit einer mikrobiellen Darmflora aus Hefen und Bakterien. Beim Legen der Eier wird vom Weibchen die Eihülle oberflächlich mit den Endosymbionten versorgt, welche dann die Junglarve beim Fressen der Eihülle aufnimmt. Leben in dem Totholz gemeinsam mit der Bockkäferlarve Holz abbauende Pilze, wird der Eiweiß- und Vitamingehalt durch diese erhöht und die Larvenentwicklung verläuft schneller ab. (KLAUSNITZER et al. 2016).
  • Im Sauerland sind neben dem Schrot-Zangenbock weitere Zangenbockarten verbreitet, der Kleine Zangenbock Rhagium inquisitor (siehe Bildergalerie) und der Zweibindige Zangenbock Rhagium bifasciatum (siehe Bildergalerie). Deren Larven entwickeln sich ebenfalls im Totholz, was zur interspezifischen Konkurrenz führen könnte. Allerdings zeigen die drei Zangenbockarten eine unterschiedliche Präferenz der Totholzart: Während sich Schrot-Zangenbock fast ausschließlich unter der Rinde von Laubholz entwickelt, verläuft die Entwicklung des Kleinen Zangenbocks unter der Rinde von Nadelholz. Die Larven des Zweibindigen Zangenbocks leben tiefer im feuchten Totholz von Laub- und Nadelbäumen (BENSE 1995, KÖHLER 1996, MÖLLER et al. 2006). Somit ist zwischen den drei Arten der Gattung Rhagium beim Lebensraum im Larvenstadium eine ökologische Nischentrennung erkennbar.
  • Die Larve ist auch unter der Rinde Feinden ausgesetzt. Spezialisten für holzbewohnende Käferlarven sind Schlupfwespen wie die Riesenschlupfwespe. Sie spüren mit ihren Antennen die nagenden Larven unter der Rinde auf und treiben dann ihren langen Legestachel mittels starker Hinterleibs-Muskeln und mehrfacher Körperdrehung bis zur Larve vor. Dann legen die Weibchen ein Ei an die Käferlarve. Die geschlüpfte Wespenlarve ernährt sich anschließend als Parasit von der Bockkäferlarve. Weitere Fressfeinde sind Spechte, die die Larven aus dem Holz hacken, besonders in den Wintermonaten.
  • Vor der Verpuppung baut die Larve eine flache, ovale Puppenwiege, die oft mit abgenagten Holzspänen umringt ist (s. Bildergalerie Schrot-Zangenbock). Der Käfer schlüpft bereits im Herbst der 2. Entwicklungsjahres aus der Puppe, überwintert in der Puppenwiege und schlüpft seinerseits Mitte des Frühjahrs aus dem Totholz. Das bedeutet, dass der fertige Käfer die meiste Zeit seines Lebens ebenfalls im Holz verbringt und hier Fressfeinden und Parasiten wie Pilzen ausgesetzt ist.

Aus der Darstellung wird deutlich, dass der während einer Exkursion beobachtete Schrot-Zangenbock nicht nur ein ansehnlicher und interessanter Käfer ist, sondern dass dieser für seine Existenz ein an Raum und Zeit gebundenes, ökologisch sehr komplexes und spezifisches Lebensraumgefüge benötigt. Dies gilt nicht nur für das Beispiel des Schrot-Zangenbocks oder alle Insekten, sondern für alle Arten von Leben. Die Kenntnis und Akzeptanz eines umfassenden Lebensraums eines Lebewesen ist für den Arten- und Naturschutz von grundlegender Bedeutung.

Ein Beispiel für einen komplexen Lebensraum bei Wirbeltieren zeigt das Projekt „Amphibienschutz“. Die hierbei mit Schülern gewonnenen Untersuchungsergebnisse machen deutlich, dass ein effektiver Amphibienschutz nur möglich ist, wenn genaue Kenntnisse über den Wasser- und des Landlebensraums sowie von den Wander- und Ausbreitungsstrecken der Amphibienarten in Abhängigkeit von der Jahreszeit die Grundlage eines Schutzkonzepts bilden.

Literatur

BENSE, U. (1995): Illustrierter Schlüssel zu den Cerambyciden und Versperiden Europas. Margraf Verlag Weikersheim

BLANA, H. (2013): Die Margeritenblüte im Zentrum ökologischer Beziehungen – Ein Anwendungsbeispiel für das Basiskonzept System im Biologieunterricht. Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde Münster, 75. Band/2013: S. 33-53

KLAUSNITZER, B., U. KLAUSNITZER, E.WACHMANN u. Z. HROMÁDKO (2016): Die Bockkäfer Mitteleuropas Cerambycidae, Band 1: Biologie und Bestimmung, 3. Aufl. Neue Brehm Bücherei Bd. 499, Verlags KG Wolf Magdeburg, 303 S.

KLAUSNITZER, B., U. KLAUSNITZER, E.WACHMANN u. Z. HROMÁDKO (2016): Die Bockkäfer Mitteleuropas Cerambycidae, Band 2: Die mitteleuropäischen Arten, 3. Aufl. Neue Brehm Bücherei Bd. 499, Verlags KG Wolf Magdeburg, 303 S.

KÖHLER, F. (1996): Käferfauna in Naturwaldzellen und Wirtschaftswald. Hrsg. Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten/Landesamt für Agrarordnung NRW, LÖBF-Schriftenreihe Band 6

MÖLLER, G., R. GRUBE & E. WACHMANN (2006): Der Fauna Käferführer I – Käfer im und am Wald. Fauna Verlag Nottuln

Bildnachweis

Die Grafik wurde vom Verfasser erstellt.