Das Untersuchungsobjekt

An Baumstämmen im Rumbecker Holz ist verbreitet die Schriftflechte Graphis scripta zu beobachten, neben anderen Flechtenarten und Moosen (Abbildung 1 und 2). Es handelt sich um eine Krustenflechte mit einem weißlich-grünlichen, sehr flachen und klar begrenzten Flechtenkörper. Dieser "Lager" genannte Körper besteht aus einem Schlauchpilz (Ascomycet) und einer fädigen Grünalge (Trentepohlia). Es handelt sich somit - wie bei allen Flechten - um ein Doppel-Lebewesen, bei dem Pilz und Alge in sehr enger Symbiose zusammenleben und welches äußerlich wie ein einheitliches Lebewesen aussieht. Das Flechtenlager ist fest mit dem Substrat, der Borke des Wuchsbaumes, verwachsen. Typisch und namensgebend für diese Flechte sind die an Schriftzeichen erinnernden, schmalen, länglichen Fruchtkörper, die Apothecien, mit erhabenen Rändern (Abbildung 3). In diesen dunkel gefärbten Apothecien reifen die Sporen der Flechte heran. In Mitteleuropa kommen nur zwei Arten der Gattung Graphis vor. Allerdings wird derzeit  in der Fachwissenschaft für Mitteleuropa die Unterscheidung von mindestens 4 getrennten Arten in einem "Graphis-scripta-Komplex" diskutiert (NEUWIRTH, 2013).  Die meisten Verwandten der heimischen Schriftflechte leben an Bäumen in den Tropen.

Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Schriftflechte im Vergleich zu Spinnen, Amphibien oder Vögeln um ein unscheinbares, wenig interessantes Versuchsobjekt für praktische Untersuchungen zu ökologischen Fragestellungen im Unterricht. Gegen diese Vorstellung spricht allerdings die Besonderheit, hier ein Untersuchungsobjekt vor sich zu haben, welches bei genauerer Betrachtung ein symbiontischen Lebewesens aus zwei Partnern ist, mit kompexen Beziehungen untereinander und mit anderen Eigenschaften als jeder der Partner für sich alleine besitzt. Auch die Beziehungen zum umgebenden Lebensraum der Schriftflechte sind keineswegs einfach. Wie die hier vorgestellten Untersuchungsergebnisse zeigen, kann am Beispiel eines meist übersehenen Lebewesens, welches zudem als solches kaum erkennbar ist, ein ökologische Grundprinzip verdeutlicht werden: Jedes Lebewesen ist in ein komplexes Beziehungsgeflecht seiner Umwelt eingebunden. Es zeigt spezifische Ansprüche an seinen Lebensraum und Abhängigkeiten von bestimmten Mitlebewesen. Man muss dies nur durch genaue Untersuchungen wenigstens ansatzweise herausfinden. Insofern eignet sich das Beispiel Schriftfleche gut, mit älteren Schülern wissenschaftspropädeutisches Vorgehen bei naturwissenschaftlichen Untersuchungen zu üben und dadurch zu neuen interessanten Erkenntnissen bei einem scheinbar uninteressanten Objekt zu kommen.

Am unteren Stammbereich einer Hainbuche fallen neben den Moosen die fleckenähnlichen grau-grünen Vegetationskörper, die sogenannten Lager der Schriftflechte (Graphis scripta) auf.
Abbildung 1
Die Lager sind sehr flach und fest mit dem Wuchssubstrat, der Borke des Baumes verwachsen. Wegen der krustenförmigen Gestalt ihres Lagers ordnet man die Schriftflechte in die Gruppe der „Krustenflechten“ ein. Brechen Teile eines Lagers heraus, entstehen sichtbare Narben auf der Borke.
Abbildung 2
Kennzeichnend für die Schriftflechte sind die an Schriftzeichen erinnernden länglichen, dunklen Fruchtkörper oder Apothecien, die mit ihren aufgewölbten Rändern etwas aus dem Lager herausragen.
Abbildung 3