Das Beutespektrum von Radnetzspinnen

Vergleich des Beutespektrums von 6 Radnetzspinnen im gleichen Habitat

NYFFELER u. BENZ (1989) führten auch umfangreiche Untersuchungen zum Beutespektrum der Radnetzspinnen auf Graslandflächen bei Zürich durch. Sie erfassten auch die sehr kleinen Beuteorgamismen, die beim Unterrichtsprojekt nicht berücksichtigt wurden. Zum Vergleich der Beutespektren der Spinnenarten wurden ihre Untersuchungsergebnis in den Abbildungen 25 und 26 grafisch zusammengestellt.

Beutespektrum von Radnetzspinnen in einer feuchten Hochstaudenflur, Teil1 (nach NYFFELER u. BENZ , 1989).
Abbildung 25
Beutespektrum von Radnetzspinnen in einer feuchten Hochstaudenflur, Teil2 (nach NYFFELER u. BENZ , 1989)
Abbildung 26

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim Vergleich der Beutespektren lässt sich Folgendes feststellen:

  • Bei allen 6 Spinnenarten sind Fliegen und Mücken die Hauptbeute mit 44% bis 83 % der gefangenen Insekten. Besonders hoch ist der Anteil bei den Spinnenarten, die ihr Netz relativ hoch in der Vegetation bauen. Dagegen ist der Anteil der Fliegen bei den Spinnenarten mit bodennahem Netzbau wie Wespenspinne und Herbstspinne deutlich geringer.
  • Auffallend ist der relativ hohe Beuteanteil an Zikaden in den bodennahen Netzen von Wespenspinne und Herbstspinne. Es handelt sich zu 95% um die Große Spornzikade (Stenocranus major), die eng an das schilfähnliche Rohrglanzgras  (Phalaris arundinacea), einer Begleitart der Mädesüß-Hochstaudenflur auf wechselnassem Boden, gebunden ist.
  • Bei 4 Spinnenarten - Wespenspinne, Herbstspinne, Vierfleckkreuzspinne und Gartenkreuzspinne - machen Fliegen, Zikaden, geflügelte Blattläuse sowie Hautflügler 94 % der Beuteorganismen aus. Schilfradspinne und Streckerspinne fangen zwar sehr häufig Fliegen, aber fast keine Bienen und Wespen. Für diese Arten typisch ist auch das Erbeuten von schwärmenden Köcherfliegen-Männchen.
  • Alle 6 Spinnenarten erbeuten darüber hinaus Individuen anderer, in ihrem Habitat lebender Arthropodengruppen, falls diese sich in dem Netz verfangen. Hierzu gehören auch andere Spinnen, selbst solche der eigenen Art.
  • Die Radnetzspinnen sind in ihrem Netzraum und mit ihrer spezifischen Netzkonstruktion hinsichtlich des sich bietenden Beutespektrums im Rahmen ihres Beuteschemas als Generalisten anzusehen.
Vergleich des Beutespektrum einer Radnetzspinne in unterschiedlichen Habitaten und Regionen

Vergleicht man am Beispiel der Wespenspinne ausgewählte Beutetiere des Beutespektrum aus verschiedenen Habitaten und Regionen, wird deutlich, wie lokal unterschiedlich die qualitative und quantitative Zusammensetzung des
Beutespektrums einer Radnetzspinnenart ein kann.

Häufigkeit von Beuteorganismen der Wespenspinne in verschiedenen Graslandhabitaten Mitteleuropas (nach NYFFELER u. BENZ 1989, MALT, SANDER u. SCHÄLLER 1990 und eigenen Untersuchungen).
Abbildung 27

Während in der Hochstaudenflur der Ruhraue in Arnsberg-Neheim auffällig viele Heuschrecken, vor allem Feldheuschrecken, gefangen wurden, machten auf dem ruderalen Bauerwartungsland im ca. 20 Kilometer entfernten Fröndenberg Dipteren, davon viele Schnaken, und Hymenopteren, besonders Honigbienen, einen Großteil der Beute aus. Auf dem Halbtrockenrasen bei Jena wurden Dipteren und Hymenopteren ähnlich häufig gefangen. In dem feuchten Hochstaudenried bei Zürich wurden besonders Fliegen und Mücken, aber auch eine auf Feuchtflächen häufig vorkommende Zikadenart Beute der Wespenspinne. Mit Ausnahme der relativ kurzfristig entstandenen Ruderalfläche in Fröndenberg bilden in drei anderen Habitaten Zikdaden einen erheblichen Anteil der Nahrung. Deutlich wird, dass das lokal vorhandene Beutepotential von der Wespenspinne genutzt wird.

 

 

 Vergleich des potentiellen Beuteangebots und des tatsächlichen Beutespektrums einer Radnertspinne im gleichen Habitat

Für die ökologische Nischentrennung zwischen den gemeinsam vorkommenden Radnetzspinnenarten sollte auch betrachtet werden, ob von einer Spinnenart aus dem lokal vorhandenen Nahrungspotential einzelne Beutearten stärker oder weniger stark selektiert werden, etwa durch den artspezifischen Netzstandort oder die besondere Netzstruktur. MALT, SANDER u. SCHÄLLER (1990) ermittelten auf Halbtrockenrasen in der Nähe von Jena die Häufigkeit derjenigen Insektenarten, die auch in den Radnetzen der Wespenspinne gefunden wurden und damit die potentielle Beutehäufigkeit im Vergleich zur realen Beutehäufigkeit am Beispiel dieser Radnetzspinne. Das Ergebnis der Untersuchungen am Beispiel der Wespenspinne zeigt die folgende Grafik:

Vergleich der Häufigkeit von potentiellen Beute-Arthropoden (grün) mit deren Häufigkeit als Beute im Netz der Wespenspinne (rot)
Abbildung 28

 

 

 

 

 

 

Es lässt sich erkennen:

  • Fliegen und Mücken wurden von der Wespenspinne ihrer Häufigkeit im Lebensraum der Spinne entsprechend von dieser im Netz gefangen. Dies gilt in geringem Maße auch für Schmetterlinge und Wanzen.
  • Dreimal häufiger als es der potentiellen Häufigkeit entspricht wurden Bienen und Wespen Beute der Wespenspinne.
  • Doppel so häufig im Vergleich zur potentiellen Häufigkeit wurden Blattläuse, Heuschrecken sowie einige seltener vorkommende Arthropoden von der Wespenspinne gefangen.
  • Mit deutlich geringerer Häufigkeit als nach dem potentiellen Bestand zu erwarten war verfingen sich Zikaden, Käfer und andere Spinnen im Netz der Wespenspinne.

Besonders Hautflügler, aber auch Heuschrecken und geflügelte Blattläuse wurden von der Wespenspinne aus dem potentiellen Beuteangebot selektiert. Dabei stellte die Honigbiene mit 11% aller Beuteorganismen eine Hauptnahrung dar, obwohl sie nur 1% der potentiellen Beute ausmachte.

Jahreszeitliche Veränderung des Beutespektrums

Aufgrund des jahreszeitlich abhängigen Entwicklungszyklus der Beuteorganismen kann sich das Beutespektrum innerhalbvon 2 - 3 Monaten qualitativ und quantitativ verschieben, z.B. bei der Wespenspinne und der Vierfleckkreuzspinne:

Jahreszeitliche Veränderung des Beutespektrums von Wespenspinne und Vierfleckkreuzspinne (nach NYFFELER u. BENZ , 1989); Beuteanzahl in %, weitere Beutegruppen nicht einbezogen.
Tabelle 3
Mobilitätsgilden und Größenklassen der Beutetiere

Standort und Struktur der Spinnennetze sind für den Fang lebender, sich bewegender Beute eingerichtet. Es ist deshalb sinnvoll, die Beuteorganismen nicht nur nach ihrer systematischen Gruppenzugehörigkeit einzuteilen, sondern auch
nach der Art ihrer Fortbewegung. Außerdem ist für einen effektiven Nahrungserwerb der Spinnen nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Größe und damit die Biomasse der Beutetiere des Beutespektrums wichtig. Bei den Untersuchungen von MALT, SANDER u. SCHÄLLER (1990) und MALT (1994) auf einem Halbtrockenrasen bei Jena werden die folgenden Mobilitätsgilden und Größenklassen unterschieden und die Beutetiere von Wespenspinne, Gartenkreuzspinne und Vierfleckkreuzspinne den Gruppen zugeordnet (Tabelle 4 und Tabelle 5). Dabei werden folgende Mobilitätsgilden der Beutetiere unterschieden:

  • Flieger:     halbwegs gute bis sehr gute aktive Flieger wie Fliegen, Bienen und Wespen
  • Drifter:     aufgrund der geringen Größe und/oder des schlechten Flugvermögens meist passive Flieger wie verschiedene Mücken, geflügelte Blattläuse und     Fransenflügler
  • Springer: Beutetiere mit gutem Sprungvermögen und zumindest eingeschränktem Flugvermögen wie Heuschrecken und Zikaden
  • Läufer:    Beutetiere ohne oder nur sehr eingeschränktem Flug- oder Sprungvermögen wie Spinnen, flügellose Blattläuse, Ameisen oder einige Käfer
Mobilitätsgilden-Verteilung der Netzbeute von Radnetzspinnen eines Halbtrockenrasens in %.
Tabelle 4

Es werden folgende Größenklassen der Beutetiere unterschieden:

  • Größenklasse I            < 2 mm
  • Größenklasse II     2 - 3,9 mm
  • Größenklasse III   4 - 5,9 mm
  • Größenklasse IV    6 - 7,9 mm
  • Größenklasse V      8 - 10 mm
  • Größenklasse VI      > 10 mm
Größenklassen-Verteilung der Netzbeute von Radnetzspinnen eines Halbtrockenrasens in %
Tabelle 5

Die Zuordnung der Beutetiere zu den Mobilitätsgilden in Tabelle 4 sowie zu den Größenklassen in Tabelle 5 zeigt Folgendes:

  • Wespenspinne und Gartenkreuzspinne fangen etwa gleich häufig gute Flieger wie Fliegen und Hautflügler, vor allem Honigbienen, während Bienen seltener Beute der Vierfleckkreuzspinne werden (s. auch Abbildung 17) . Der relativ hohe Anteil der Flieger im Netz der Gartenkreuzspinne und deren etwas geringere Anteil im Netz der Vierfleckkreuzspinne sind nachvollziehbar, da vor allem die Gartenkreuzspinne ihre Netze meist am oberen Rand der Vegetation oder darüber und damit im Hauptflugraum vieler Fliegen, Bienen und Wespen baut, die Vierfleckkreuzspinne immerhin noch in der oberen Hälfte der Vegetation. Dagegen überrascht der hohe Anteil der Flieger als Beute der Wespenspinne im bodennahen Netz dieser Radnetzspinne. Eine möglicher Deutung wäre, dass vor allem Bienen bei ihrem langsamen Suchflug beim Blütenbesuch in der untereren Vegetationsschicht besonders an Randlagen, z.B. Wegrändern, auch den freigesponnenen Netzraum der Wespenspinne überbrücken müssen und dann in deren Netz geraten.
  • Die meist kleinen Drifter werden wesentlich häufiger in die höher gelegenen Netze von Gartenkreuzspinne und Vierfleckkreuzspinne getragen als in das in der Vegetation tief gelegene Netz der Wespenspinne.
  • Besonders auffällig ist der Beuteunterschied zwischen Wespenspinne einerseits und den beiden Kreuzspinnen andererseits bei der Mobilitätsgilde der Springer: Heuschrecken und Zikaden werden über siebenmal häufiger Beute der Wespenspinne als Beute von Gartenkreuzspinne oder Vierfleckkreuzspinne. Hierzu tragen einerseits die bodennahe Lebensweise der im Grasland häufig vorkommenden Heuschrecken und Zikaden, andererseits der bodennahe Netzstandort mit dem aktiv freigesponnenen Netzraum der Spinne bei.
  • Läufer wie Ameisen, Käfer oder andere Spinnen spielen bei den drei Radnetzspinnen eine untergeordnete Rolle, besonders bei der Wespenspinne.
  • Die nahrungsökologische Sonderstellung der Wespenspinne wird sehr deutlich, wenn man die zusammengefassten Größenklassen der Beutetiere zwischen den drei gemeinsam vorkommenden Radnetzspinnen vergleicht: Bei der mittleren Größe der Beutetiere erkennt man keinen Unterschied zwischen den Arten. Dagegen sind im Netz der Wespenspinne kleine Beutetiere erheblich seltener, große Beutetiere sehr viel häufiger zu finden als in den Netzen der zwei anderen Kreuzspinnen. Zu den größeren Beutetieren gehören auch die Männchen, die regelmäßig nach der Begattung verspeist werden. Da größere Beute mit einem höheren Biomasseanteil und damit einem höheren Nahrungsanteil verbunden ist, ist der Nahrungserwerb der Wespenspinne äußerst effektiv und fördert ein schnelles Wachstum, eine schnelle Reifung der Eier und eine hohe Reproduktionsrate der Spinne. Man kann vermuten, dass neben klimatischen Veränderungen diese ökologische Sonderung mit zu der relativ schnellen Ausbreitung der Wespenspinne im mittleren und nördlichen Europa während der letzten drei Jahrzehnte beigetragen hat.